Im Interview: Filmpädagogin Cathrin Ernst (Internationale Kurzfilmtage Oberhausen)

von Jan Hochkamer

Meine Job-Bezeichnung lässt sich schlecht festnageln. Filmpädagogin ginge hier vielleicht, gepaart mit Bürohengst.

Im letzten Beitrag hat uns meine Kollegin Marie Volkmer das KinderKinoFest Oberhausen vorgestellt und aufgearbeitet, wie prägend die erste Kinoerfahrung für Kinder sein kein. Heute wollen wir einen Blick hinter die Kulissen eines bekannten Filmfestivals werfen. Am vergangenen Wochenende sind die 67. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gestartet.

Cathrin Ernst leitet bei dem ältesten Kurzfilmfestival der Welt, den Kinder- & Jugendwettbewerb. Die Filmpädagogin ist seit 2014 Teil des Teams, das dieses Jahr 40 Kurzfilme aus 24 Ländern, darunter 8 Weltpremieren, für den Wettbewerb kuratiert. Sie wird uns heute ein wenig aus ihrer Arbeit bei den Kurzfilmtagen Oberhausen berichten.

Kurz zu Deiner Person: Wie bist Du zu den Kurzfilmtagen gestoßen und wie hat sich Deine Tätigkeit für das Festival entwickelt?

© Daniel Gasenzer

Ich habe nach meinem Bachelorstudium in Bochum ein Praktikum bei einem sehr übersichtlichen Filmfest in Tübingen gemacht – und mich direkt von dort in Oberhausen beworben. Auch dort für eine Assistenzstelle, 2014, im Kinder- und Jugendkino. Nach dem sehr intensiven und lehrreichen Praktikum – und einem wunderschönen Festival – war ich 2015 Teil des Gästebüro-Teams, welches akut vor Ort unterstützt, wenn hunderte von Leuten aus aller Welt in Oberhausen ankommen. Im Januar 2016 habe ich dann nach einem Auslandssemester in Wien für zwei Jahre in Folge die Leitung des Kinder- und Jugendkinos machen können, als Vertretung. Das war für mich eine ziemlich große und schöne Sache. 2018, 19, 20 wieder Workshops, Arbeit während der Festivalwoche – und dieses Jahr erneut die Leitung. In der Zwischenzeit habe ich in anderen Kulturinstitutionen gearbeitet und mein Masterstudium verfolgt.

Erzähl uns mal, wie müssen wir uns so ein Wettbewerb-Team vorstellen, wie viele Personen seid Ihr und welche Aufgaben gibt es?

Im Team des Kinder- und Jugendfilmwettbewerbs ist in den drei intensiven Monaten der Festivalvorbereitung neben mir eine Assistenz angestellt. Sie absolviert ein Praktikum mit sehr viel Eigenverantwortung und Arbeit – dass man in dieser Position jemanden hat, der*die zuverlässig ist, kommunizieren kann und „Bock hat“ ist sehr wichtig. Darüber hinaus gibt es die Kommission, die inklusive mir aus fünf Köpfen besteht und die Wettbewerbsauswahl trifft. Um die Gäste, die Presse, Filmkopien, Öffentlichkeitsarbeit, Orga insgesamt, Finanzen, Technik und IT kümmern sich andere mit – da hat Oberhausen einzelne Bereiche, auf die wir uns in dem Fall verlassen können, zum Glück.

Die Auswahlkommision um Dich hat 40 Filme für den Wettbewerb kuratiert, wie viele Einreichungen mussten dann dafür gesichtet werden und wie strukturiert Ihr im Team eine solche Aufgabe?

Für den Kinder- und Jugendfilmwettbewerb haben sich die Einreichungen in den letzten Jahren zwischen 500 und 700 bewegt. Allerdings speisen diese sich natürlich aus den Einreichungen aus dem Internationalen und dem Deutschen Wettbewerb, da sind wir dann eher so bei 6000. Manche Filme sind explizit als Kinder- und Jugendfilm eingereicht, bei anderen haben die anderen Kommissionen zum Glück ein Auge dafür und empfehlen uns Beiträge, die nicht als Filme für junges Publikum gelabelt sind. Normalerweise schließt sich die Kommission dann für ein paar Tage in der Villa Concordia, unseren Festivalräumen, ein und tut nichts anderes als auf Bildschirme und Leinwände zu starren, zu diskutieren, zu sondieren und dabei mit Mühe und Not nicht völlig die Geschmackssinne zu verlieren. Wir wählen ja nicht nur von 600 die 40 – unserer Meinung nach – interessantesten Arbeiten aus, sondern haben die zusätzliche Schwierigkeit, einzelne Programme nach Altersgruppen bauen zu müssen. Ab 3, ab 6, ab 8, ab 10, ab 12, ab 14, ab 16 – da kommt es vor, dass man mit vielen tollen Filmen ab 12 da steht und nicht genug passables ab 6 Jahren hat. Oder plötzlich nur wunderbare Animationen und kein einziges dokumentarisches Format… Und nach ein paar gleichermaßen erschöpfenden und beflügelnden Tagen staunt man dann, dass irgendwie doch ein spannungsreiches Programm entstanden ist. Da immer ein bisschen Bewegung in der Kommission ist, ist es eine recht angenehme Mischung aus routinierter, eingespielter Diskussion, durchaus mit Streitpunkten und verschiedenen Perspektiven, und neuem Wind.

© Daniel Gasenzer

„Kurzfilme sind wie kaum ein anderes Genre für die Bildungsarbeit geeignet. Sie bieten Ansatzpunkte für die verschiedensten Themen, für politische Bildung ebenso wie Sprachunterricht und nicht zuletzt für Filmanalyse und Entwicklung von Medienkompetenz.“ Das steht auf der offiziellen Website geschrieben. Nach welchen Gesichtspunkten wählt ihr die Filme in der Vorauswahl aus?

Die Filme in unserem Programm sollen aus der Perspektive der Jugend erzählen. Sie sollen einen möglichst breiten Einblick geben – verschiedene Formen, Inhalte, Produktionsländer. Sie sollen nicht zu schematisiert sein und – eine beliebte Floskel – mit den Sehgewohnheiten des Publikums brechen. Sie sollen etwas aufreißen, eine Spur legen, Spaß machen. Vor allem trauen wir unserem Publikum etwas zu – wir kommen ihm nicht entgegen, weil wir eine bestimmte Idee von ihm haben. Das mit der Medienkompetenz ist mir etwas zuwider. Negativ formuliert: Die Kurzfilme sollen sich nicht dazu eigenen, instrumentalisiert zu werden als Tool, um sich Inhalte, Kompetenzen anzueignen. Das ist mein Standpunkt – eine andere Person aus der Kommission würde vielleicht ganz anders antworten; hoffentlich!

Im Kinder- & Jugendwettbewerb ist die Bewertung unterschiedlich im Vergleich zu anderen Wettbewerben des Festivals. Während in den anderen Wettbewerben Expert*innen die Sieger*innen für die Preisgelder küren, bewerten bei Dir eine Kinder- bzw. Jugendjury. Nach welchen Gesichtspunkten und in welcher Form erfolgt die Bewertung?

Etwas verstrahlt gesprochen: Wer können die Expert*innen für Kinder- und Jugendfilm sein, wenn nicht Kinder und Jugendliche? Die teilnehmenden Kinder und Jugendliche kommen von unseren Partnerschulen. Das ist anders als per Zeitungsinserat oder Social Media-Posting Jury-Kandidat*innen zu gewinnen. Manche der Jurymitglieder haben noch nie etwas von den Kurzfilmtagen gehört. Für uns ist wichtig, dass sie genau hinsehen und ihre Arbeit ernst nehmen. Üblicherweise gehen wir mit ihnen ins Programm im Kino, in eine ganz normale Vorstellung bei der sie auch die Reaktion des Publikums und Gespräche mit den Filmemacher*innen mitbekommen. Danach wird konzentriert über das Gesehene gesprochen. Manches bekommt sofort eine Abfuhr erteilt, anderes wird dann von Zehnjährigen kontrovers und sehr ernsthaft diskutiert. Dieses Jahr sehen die Jury-Mitglieder alles online – ob sie konzentriert bei der Sache bleiben, nicht nebenher in irgendeinem Messenger hängen oder Spaghetti essen, wer weiß es?

Wurde die Jury im Vorhinein auf ihre Aufgabe geschult, oder sollen intuitiv geleitete Entscheidungen ausschlaggebend sein?

© Daniel Gasenzer

Wir sprechen mit den Jurys im Vorhinein über mögliche Fragen, die man an den Film stellen kann. Ein wenig Vokabular ist hilfreich, um Eindrücke und Unterschiede benennen zu können. Wir wollen aber vor allen Dingen, dass sie auf ihre Urteilskraft vertrauen. Es kann sein, dass man einem Film mit einem Urteil nicht gerecht wird – gerecht wird man ihm vielleicht nie – manchmal kann man dann einen anderen Blick auf eine Arbeit ermöglichen, das ist sehr spannend. Aber nicht selten ist der erste Eindruck sehr nachhaltig und hinterlässt ein Gefühl, das man nicht wegschieben muss. Vor allem ist wichtig, dass man die Diskussion nicht weglenkt von Filmen, die einem vielleicht selbst nicht sonderlich gut gefallen. Man hat natürlich seine eigenen Favoriten, das hat aber bei der Arbeit mit den jungen Jurys nichts zu suchen.

Ich habe auf der Website von Euch gelesen, dass dieses Jahr eine Rekordzahl an Filmen während des gesamten Festivals ausgespielt werden. Kannst Du uns sagen was Euch dazu bewogen hat gerade in einem solchen Jahr mehr Filme digital vorzustellen?

Vor allem die neuen Online-Wettbewerbe werden da viel ausgemacht haben- allein dadurch sind Dutzende von Kurzfilmen hinzugekommen. Insgesamt ist das Festivalprogramm sehr komplex – es gibt Wettbewerbe für deutsche und internationale Produktionen, für deutsche und internationale Musikvideos, für Kinder- und Jugendfilme, für NRW-Produktionen; manche davon nun in Online-Varianten ergänzend zu den eigentlich vor Ort stattfindenden Wettbewerben. Es gibt jedes Jahr ein Thema, Archive und Film-Labs stellen sich und ihre analogen Filme vor, Profile geben einzelnen Filmemacher*innen und ihrem Werk einen Raum, Verleiher stellen ihre Programme vor – ich kriege selber ohne den Blick in den Katalog gar nicht alles zusammen! Das Festival geht daher dieses Jahr auch länger als gewohnt: Ursprünglich sollten vom 1. bis 4. Mai die Online-Wettbewerbe gezeigt werden und vom 5. bis 10. die Programme vor Ort stattfinden. Nun feiern wir ein großes, zehntägiges Online-Festival: viele Kurzfilmtage mit entsprechend vielen Kurzfilmen.

In einem Regeljahr gibt es rund um die Wettbewerbe viele Panels, Diskussionen und Workshops. Ich stelle mir sie wichtig für das Gesamterlebnis eines Festivals vor. Wie könnt ihr das Fehlen von Präsenzveranstaltungen abseits der Filmvorführungen auffangen?

Das können wir nicht. Da können wir uns ein Bein ausreißen, virtuelle Räume bauen und all die Vorteile, die so eine Online-Variante zweifelsohne birgt, mitnehmen. Aber wirklich Auffangen lässt sich die fehlende Begegnung im Kino und auf dem Podium, in der Festivalbar oder in den Filmdiskussionen nicht. Es gibt viele großartige Nebenwirkungen: Filmemacher*innen und Professionals, die es aus verschiedenen Gründen eh nicht nach Oberhausen geschafft hätten, können dabei sein, wir denken neu über Formate nach, für 15€ kann man alle Filme sehen, etc. Aber ein Ersatz kann es nicht sein. Gerade für die Künstler*innen stelle ich es mir hart vor. Weltpremiere und man sitzt allein vor dem PC. Wir bemühen uns dieses Jahr um mehr Möglichkeiten des Austausches und der Resonanz für die Beteiligten – ich hoffe, es gelingt.

Was ist für Dich das besondere an den Kurzfilmtagen?

Ich vertraue den Kurzfilmtagen und dem Team dahinter sehr. Wer weiß, warum! Ich verstehe nicht die Hälfte der Sachen, die wir zeigen. Sie fordern mich heraus, üben einen Reiz aus und wollen nicht um jeden Preis gefallen. Es gibt immer und auch für die krassesten Filmspezis neue Entdeckungen. Sie mischen sich – in persona die Leitung Lars Henrik Gass – in Debatten ein, beziehen politisch Stellung – auch über das, was im Programm platziert wird. Und auf professionelle Abläufe wird Wert gelegt – gerade die Screenings im Kino haben einen sehr hohen qualitativen Standard.

Wie können wir als Besucher*innen an den diesjährigen Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen teilnehmen?

Sie finden vom 1. bis 10. Mai statt. Für 15€ kann man das gesamte Programm sehen, für 25€ kann man sich akkreditieren lassen und – erstmalig, darüber freue ich mich sehr – das ganze Kinder- und Jugendprogramm ist für 5€ zu haben, immerhin 60 Kurzfilme und Videos. Im Festival Space werden live Diskussionen gestreamt; dort ist auch die Festivalbar mit vielen guten DJ-Sets aus der lokalen Szene zu finden. Es lohnt sich, einen genauen Blick ins Programm zu werfen – es gibt viel zu entdecken und die meisten Programme sind nur für 48 Stunden online oder – wie die ursprünglich vor Ort geplanten Wettbewerbe – wirklich nur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sehen. Schulen und Kindergärten können vom 5. bis 10. Mai kostenlose Screenings buchen, die auch im Distanzunterricht funktionieren – dazu gibt es Einführungen aus dem Kino, Interviews mit Filmemacher*innen und Begleitmaterialien.

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